Ein bisschen schräg

Sie sind vor einem halben Jahrhundert entstanden: die Gedichte, die Ernst Kirchertz damals als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Lausanne geschrieben hat. Jetzt sind sie unter dem Titel „Colloques“ erschienen. Jedes Gedicht wird zudem von einer Illustration des Profi-Grafikers Alfons Holtgreve begleitet.

VON ANNE BRINKMANN-THIES

Das Büchlein ist das dritte gemeinsame Projekt der beiden kreativen Männer, die sich schon lange kennen. Rund 100 Texte schrieb Kirchertz, als er zwischen 1972 und 1977 am Pharmakologischen Institut der Universität Lausanne tätig war. Entstanden sind diese Texte spontan und situativ während der verpflichtenden Fortbildungsveranstaltungen. Entsprechend heißen sie „Colloques“. Die vortragenden Wissenschaftler seien oft derart auf ihre Forschungsobjekte spezialisiert gewesen, dass ihre Fachvorträge für die anderen Wissenschaftler kaum mehr begreifbar gewesen seien und damit auch zu „l’art pour l’art“ zu werden drohten – ohne Bezug zur Realität, erklärt Kirchertz. Und während der junge Kirchertz im Seminarraum so mancher wissenschaftlichen Ausführung aus dem „Elfenbeinturm“ zuhörte, entstand zugleich so mancher Text. Handschriftlich, versteht sich. Später habe er sich an seine Schreibmaschine gesetzt und die Verse – mit Kohledurchschlagpapier als damaliger Kopiermöglichkeit – abgetippt. Kirchertz, Mediziner und Kunstmäzen, hatte seine situativ entstandenen Verse schon fast vergessen, als er sie beim Stöbern in alten Briefordnern wiederentdeckte. Allerdings seien nur 25 Gedichte erhalten, erzählt Kirchertz.

„Meine Texte sind schräg, assoziativ und teils dadaistisch“, beschreibt Kirchertz seine Gedichte. Und sie waren zunächst gar nicht für eine Publikation bestimmt. Doch als er sie vor einiger Zeit Gästen vorlas, darunter dem Pianisten Hinrich Alpers, sei dieser begeistert gewesen. Auch das schon lange mit Kirchertz befreundete Schauspielerehepaar Leslie Malton und Felix von Manteuffel habe ihn nachdrücklich zu einer Veröffentlichung als Büchlein ermuntert.

Die meisten „Colloques“ sind mit einem Kommentar versehen, der dem Leser erhellende Einblicke in die Entstehungssituation gibt. Die Texte entbehren – auch und gerade im Rückblick und mit ihrer teils versteckten Kritik an der zweckfreien Forschung und Wissenschaft – oft nicht einer besonderen Komik. Im Colloque Nummer 2 etwa spiegelt sich die resignativ-verzweifelte Haltung des Zuhörenden während der Ausführungen eines Kollegen.

„Das Verständnis von Zusammenhängen ging gänzlich verloren sowie auch jeder Bezug zur Realität“, heißt es dazu im Kommentar. Wortspielerisch witzig und gewandt widmete sich Kirchertz im Colloque Nummer 1 den Versuchsratten im Labor. Mit einer ganz bestimmten schweizerischen Leckerei, den „Willisauer Ringli“, sollten die Tiere zur Lösung bestimmter Aufgaben motiviert werden. Ausgesprochen komisch ist auch das Colloque Nummer 15 als eine sprachspielerische Paraphrase eines offenbar fachsimpelnden, schwer verständlichen Vortrags, die mit dem Vers „HIRNU WEICHU STUNDE RUM“ endet. Abgedruckt ist hier auch das handschriftliche Original, das Kirchertz dereinst noch mit einer Blume und einem Kaktus verschönert hatte. „Meine Texte sind geadelt durch die Illustrationen des Profi-Grafikers Alfons Holtgreve“, sagt Kirchertz. Er kenne den Grafiker, der zahlreiche Ausstellungen hatte und unter anderem schon für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gearbeitet hat, seit dessen Jugend. Holtgreve hat auch die beiden vorangegangenen Gedichtveröffentlichungen „Hugo“ und „Limericks“ illustriert. Somit setzen die „Colloques“ von Kirchertz zugleich eine kleine, feine Reihe fort.

Der Erlös seines neuesten Büchleins fließt komplett in die Finanzierung des Kulturprojektes „Kultur im Schaafstall“, das Kirchertz vor 27 Jahren aus der Taufe gehoben hat. Viele Künstler und preisgekrönte Musiker hat er seither dort willkommen geheißen. Die nächste Veranstaltung im Schaafstall findet am Samstag, 14. November, statt. Dann wirft der Psychiater und Psychotherapeut Wolfgang Sättler einen analytischen Blick auf Mozarts Oper „Così fan tutte“. Von der Universität Lausanne führte Kirchertz‘ Weg übrigens weiter nach Göttingen zur Facharztausbildung zum Internisten und Nephrologen. Von 1983 bis 2016 war er leitender Arzt in Bad Münder und Stadthagen.

Erhältlich ist das Büchlein „Colloques“ in der Buchhandlung Wanderer in Bad Münder oder per Mail-Bestellung an info@kultur-im-schaafstall.de.