Eine Zündapp mit Geschichte

Thomas Hahne (l.) erwirbt das alte Motorrad von Gerda Dismer, vermittelt hat den Kauf Frank Matzuga. Fotos: Bernd Wißmach

Thomas Hahne (l.) erwirbt das alte Motorrad von Gerda Dismer, vermittelt hat den Kauf Frank Matzuga. Fotos: Bernd Wißmach

Sie stand 70 Jahre ungenutzt in der Scheune der Egestorferin Gerda Dismer: eine Zündapp DB 200, Baujahr 1949. Nun hat der Bennigser Thomas Hahne das alte Schätzchen erworben.

VON ANNE BRINKMANN-THIES

Er sammelt bereits seit 1985 zwei- und vierrädrige Oldtimer. „Das Besondere an dieser Zündapp ist aber ihr Kennzeichen“, sagt der Bennigser. Denn sie trägt noch ihr Originalkennzeichen mit den Großbuchstaben BN.

„Ohne dieses historische Kennzeichen wäre es für mich wohl eine von vielen Zündapp DB 200 gewesen“, sagt Hahne. Denn diese Motorräder waren damals weit verbreitet und hätten nach seiner Kenntnis nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich zur Motorisierung der Bevölkerung beigetragen. Dass die alte Zündapp DB 200 aber 70 Jahre lang unangetastet abgestellt war und noch ihr Originalkennzeichen trug, habe ihn an dem Motorrad besonders gereizt. Diese Kennung wurde zwischen 1948 und 1956 innerhalb der britischen Besatzungszone verwendet, wobei das B für „britische Zone“ und das N für „Niedersachsen“ steht. Die dreistellige Schlüsselzahl 240 gibt den Bereich an, in dem das Fahrzeug zugelassen wurde, hier den Landkreis Hannover. Die 62 ist lediglich eine Unterscheidungszahl, erklärt Hahne.

Hätte der damalige Eigentümer Alfred Meyer, der Vater von Gerda Dismer und ihrer Schwester Anita Schelenz, das Motorrad nur wenige Wochen später abgemeldet, wäre das alte Kennzeichen verloren gewesen, ist sich Hahne sicher. Abgemeldet wurde die Zündapp nämlich im Juni 1956. Nach dem 1. Juli 1956 galten neue Kennzeichen, und auch Meyers Zündapp wäre umkennzeichnungspflichtig geworden. Das alte BN-Kennzeichen wäre entwertet und wohl kaum wieder an der Maschine angebracht worden. Gereizt habe ihn zudem, dass das Motorrad ungenutzt in einer Scheune stand, ohne dass daran herumgebastelt oder etwas verändert worden war.

Aufmerksam geworden ist der Bennigser auf die alte Zündapp über Frank Matzuga, einen guten Bekannten von Gerda Dismer. „Herr Hahne war mir sofort sympathisch“, erzählt die inzwischen 81-jährige Gerda Dismer, die bereits einmal einen Anlauf genommen hatte, das Motorrad zu verkaufen. Doch der Kauf kam damals nicht zustande. Diesmal entschloss sie sich in Absprache mit ihrer Schwester, sich von dem gemeinsamen Erbstück zu trennen.

Als ihr Vater die Zündapp im Juni 1956 abmeldete, war Gerda Dismer elf Jahre alt. Sie hat viele Erinnerungen an die Mitfahrten auf dem Motorrad. Oft fuhr sie mit ihren Eltern zum Bauernhof ihrer Großeltern nach Suthfeld nahe Bad Nenndorf. Dort holte die Familie Roggen für die eigenen Schweine und Obst für die Familie. Ihr Vater fuhr, ihre Mutter saß auf dem Sozius und dazwischen die kleine Gerda mit dem Gesicht zur Mutter. Das war auch damals nicht erlaubt. Deshalb musste sich Gerda auf Geheiß ihrer Eltern so klein wie möglich machen und ihre Beine anziehen. Auf dem Rückweg mussten dann auch noch das Futtergetreide oder Äpfel auf dem Gefährt untergebracht werden, erzählt Gerda Dismer mit einem Schmunzeln.

Verkaufen wollte ihr Vater die Zündapp später nicht, nachdem er sie abgemeldet hatte. „Es war für ihn ein Erinnerungsstück“, sagt die 81-Jährige. So wurde die Zündapp zunächst auf dem Heuboden, später im ehemaligen Schweinestall untergebracht. Selbst gefahren sind Gerda Dismer und ihre Schwester Anita Schelenz die Maschine nie. Doch auch für die beiden hängen viele Erinnerungen an der alten Maschine, die ihr Vater – er war 30 Jahre lang Hauer im Bergwerk Barsinghausen – so geliebt hatte.

Die Zündapp DB 200 war damals aufgrund ihrer Robustheit auch als „Bauernmotorrad“ bekannt und in der Anschaffung teuer. Als Listenpreis eines fabrikneuen Modells wurde im Fahrzeugbrief die Summe von 1195 Deutschen Mark eingetragen. Fest versprochen hat Gerda Dismer dem neuen Eigentümer Thomas Hahne, dass sie ihn besuchen und sich seine Oldtimer-Sammlung anschauen wird – nun bereichert um die alte Zündapp ihres Vaters.