Pillen oder Psychotherapie?
Bad Münder. Kurt Brylla ist Diakon. Er machte seine Ausbildung als Kinder- und Jugendtherapeut im Winnicott-Institut in Hannover, bildete zahlreiche Therapeuten aus und kümmerte sich um psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche. Er lebt in Bad Münder im Ruhestand, wird heute aber noch oft gefragt, wenn es um auffälliges Verhalten von Jugendlichen und Kindern geht. Er hat viel Berufserfahrung gesammelt – und berichtet im Interview über seine Erfahrungen..
VON HORST VOIGTMANN
Muss man sich schämen, wenn man Hilfe braucht, weil man sich im Leben nicht mehr auskennt und voller Traurigkeit ist?
Natürlich nicht. Die erste Anlaufstelle ist dann der Hausarzt. Der kennt seinen Patienten und weiß es im Idealfall richtig einzuschätzen, was angesagt ist.
Wie kann eine Depression am besten therapiert werden? Langt es, wenn ich die vom Neurologen verschriebenen Tabletten nehme oder was muss ich sonst tun, um das schwarze Gefühl in mir wieder zu vertreiben?
Aus der Sicht des Analytikers geht es zunächst darum, den Lebenshintergrund zu betrachten und vielleicht auch mögliche frühkindliche Beeinträchtigungen zu erkennen. Es wird also zunächst eine gründliche Anamnese gemacht, um mögliche Hintergründe der Erkrankung zu erfassen. Die Medikamente stehen erst mal im Hintergrund.
Für den Psychoanalytiker stehen die Medikamente im Hintergrund, aber der Patient nimmt ja unter Umständen verordnete Medikamente, die seine Emotionen reduzieren.
Dann ist ja die Frage: Hat er schon einmal eine Psychotherapie gehabt? Vielleicht hat er solchen starken Leidensdruck gehabt. Es muss ihn also schon in seinem Alltag schwer gefallen sein, zu funktionieren. Nach dem Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt hat er gedacht, dann gehe ich besser zum Psychiater. Der Psychiater wird auf Grund seines Fachwissens unter Umständen in den Gehirnstoffwechsel eines gemütskranken Menschen eingreifen wollen und ihn deshalb mit Medikamenten behandeln. Das ist ja seine Kompetenz.
Das ist ja ein ganz anderer Ansatz als die des Psychotherapeuten, oder?
Durchaus. Das kann ja rein zufällig gewesen sei, weil kein Psychotherapeut sofort einen Termin frei hatte und deshalb der Patient oder die Patientin zum Psychiater gegangen ist. Mit der medikamentösen Behandlung werden die Symptome reduziert, aber damit sind ja die Hintergründe, die zu der Erkrankung geführt haben nicht aufgelöst.
Die Hintergründe, die zu der Erkrankung geführt haben, können nicht mit Medikamenten beiseite geschoben werden?
Genau, sie werden so nicht berücksichtigt und werden unter Umständen gar nicht in den Blick genommen. Wenn ich junge Erwachsene hatte, die eine starke depressive Episode hatten und in der Schule nicht mehr dem Unterricht folgen konnten und sich sozial zusätzlich isolieren, dann habe ich durchaus überlegt, ob hier nicht, neben der Psychotherapie eine zusätzliche medikamentöse Behandlung angesagt ist.
Aber die Medikamente können ja nicht alles sein.
Nein, natürlich nicht. Aber im Akutzustand ist es gut, erst mal auf Medikamente zurück zu greifen, um den Druck heraus zu nehmen. Als Psychoanalytiker haben wir nie die Medikamente favorisiert, aber ich habe in den vielen Berufsjahren gemerkt, eine medikamentöse Mitbehandlung, zum Beispiel auch bei ADHS, der Aufmersamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, muss ich unter Umständen den Status durch Medikinet verändern, um den Patienten in der Therapie besser zu erreichen. Wenn das Medikament dazu führt, dass der Patient nur noch träger ist und zunehmend Wahrnehmungsverzögerungen hat, dann ist es eine falsche Medikation. Ich erwarte von einem Psychiater, dass er auf Grund seines Fachwissens sehr vorsichtig und gezielt die richtigen Medikamente einsetzt. Das ist ja auch eine Kunst.
Wenn die Medikamente dazu führen, dass der Patient seine Emotionen total verliert, kann das sicher nicht richtig sein.
Wenn ich das beobachte, würde ich eine Wiedervorstellung beim Psychiater empfehlen und die Symptome natürlich genau beschreiben. Bei Psychosen kann es natürlich sein, dass starke Medikamente eingesetzt werden müssen. Im Idealfall arbeiten der Psychotherapeut und der Psychiater zusammen und stimmen sich ab. Leider sind die Termine bei Psychotherapeuten schwer zu bekommen, während Medikamente schnell verschrieben sind.

