„Ein jegliches hat seine Zeit“
Prädikant Joachim Schütz vor dem Weihnachtsbaum: Die kirchliche Weihnachtszeit dauert bis 6. Januar.Fotos: Voigtmann
Es ist 16 Uhr, der letzte Schlag der Glocke im Turm der St.-Magnus-Kirche in Beber hat getan, wozu er da ist: Er lädt die Gemeinde zum Gottesdienst am Altjahrsabend ein.
VON HORST VOIGTMANN
Gut 20 Personen sind dem Ruf der Glocken gefolgt. Prädikant Joachim Schütz leitet den Gottesdienst. Wie gut, dass es Menschen wie ihn gibt, denn nachdem so manche Pfarrstelle nicht mehr besetzt werden kann, sind die Prädikanten immer wichtiger geworden.
Joachim Schütz begrüßt die Gemeinde mit einem wunderbaren Text aus der Sammlung „Psalmen in der Sprache unserer Tage“, die Uwe Seidel und der 2005 im Alter von 80 Jahren verstorbene Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in Anlehnung an den 23. Psalm verfasst haben.
„Und wenn ich auch nichts mehr sähe von dieser albernen Welt …
…Gottes Auge sieht meine Schwäche, sieht meine Müdigkeit und lenkt mich mit Sanftmut nach Hause.“
Diese Form der Übertragung der alten Texte für Menschen des 21. Jahrhunderts mag Schütz auch deshalb besonders, weil es sehr viele Überschneidungen mit Hanns Dieter Hüsch gibt. Auch Schütz ist als Kabarettist tätig, also gewissermaßen ein Kollege von Hüsch, und Hüsch hat so manches Mal – wie Schütz an Silvester – auf einer Kanzel gestanden. Zusammen mit einer jungen Frau mit türkischen Wurzeln ist Schütz als Kabarett-Ensemble „Gürsch“ unterwegs.
Übrigens: Auch Organistinnen und Organisten stehen nicht mehr in großer Zahl zur Verfügung. Deshalb stimmt Joachim Schütz mit kräftiger Stimme das erste Lied an, das auch zur Jahreswende passt:
„Nun lasst uns gehen und treten,
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.“
Die Gottesdienstbesucher stimmen ein, erst zaghaft, dann mutiger. So gilt es auch für die anderen Choräle. Ohne Orgel geht es auch gut, aber mit Orgel geht es besser.
Für die Predigt hat sich Joachim Schütz mit dem Prediger, Kapitel 3, Verse 1 bis 15, auseinandergesetzt, der mit dem Satz beginnt: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Und dann fortfährt: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“ Und endet: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ Joachim Schütz regt eindringlich an, das Gute im Leben im kommenden Jahr 2026 dankbar als Geschenk Gottes wahrzunehmen. Im Gottesdienst ist die Gemeinde auch zum Abendmahl eingeladen. Alle Besucher des Gottesdienstes bilden vor dem Altar einen großen Kreis und nehmen sich gegenseitig erstmals bewusst wahr. Sie bekommen von Prädikant Schütz die Oblate und den Kelch gereicht.
Zum Schluss werden die drei Strophen von „O du fröhliche“ gesungen, denn es ist ja immer noch Weihnachtszeit.

