Eine erstaunliche Geschichte

Der gehörlose Tischler und Künstler Hanno Schnelle aus Bad Münder, hier mit Vater Karl (l.). FOTOs: Detlef Erasmus

Der gehörlose Tischler und Künstler Hanno Schnelle aus Bad Münder, hier mit Vater Karl (l.). FOTOs: Detlef Erasmus

Dass er gehörlos ist, hat ihn nie gebremst: Weder auf dem Weg aus dem Rohmelbad in die Wasserball-Nationalmannschaft. Noch bei seiner Karriere als Tischler – oder bei seiner Holzkunst, die Spaziergänger im Garten des Familienhauses am Kurpark erkennen können. Wir stellen Hanno Schnelle aus Bad Münder vor.

Wenn Hanno Schnelle von seinem Job als Tischler einfach mal abschalten will, dann beschäftigt er sich weiter: mit Holz. Der Werkstoff ist die Leidenschaft des gehörlosen Mannes aus Bad Münder. Der eine erstaunliche Lebensgeschichte erzählen kann, die ihn sogar in die Wasserball-Nationalmannschaft führte - und nach Kiew, wo er seine Frau kennenlernte.

Zurück in die 1990er: Hanno Schnelle entscheidet sich für eine Tischlerlehre, findet in Sarstedt einen Ausbildungsplatz. Als Gehörloser kann er so die Berufsschule in Hildesheim besuchen; 1995 schließt er die Ausbildung erfolgreich ab. Und bekommt einen Arbeitsplatz in Nettelrede bei der Tischlerei Wehrhahn angeboten - wo er bis heute arbeitet. „Er freut sich über die gute und verständnisvolle Zusammenarbeit mit den Kollegen; er wird dort sehr geschätzt“, sagt sein Vater Karl.

Schon als Kind tobt sich Hanno Schnelle gerne im Wasser aus und auch heute noch schafft er regelmäßig die meisten Kilometer beim Abschwimmen im Rohmelbad in Bad Münder. Schnelle schwimmt und spielt so gut, dass er es sogar in die Wasserball-Nationalmannschaft für Gehörlose schafft.

Nicht nur ein sportliches Highlight - sondern auch ein privater Einschnitt. Denn als Schnelle an der Europameisterschaft in Budapest teilnimmt, freundet er sich mit einem ukrainischen Spieler an, besucht diesen später in Kiew - und lernt dort seine heutige Frau Svetlana (52) kennen. Zusammen mit Tochter Nora (18) lebt die Familie seit 2008 in einem schicken Haus am Kurpark in Bad Münder, zusammen mit den vielen großen Holzkunstwerken, die den Garten bereichern und auch für Spaziergänger sichtbar sind.

Auf dem Grundstück kann Schnelle sein Hobby voll ausleben, denn im Keller ist viel Platz für die eigene Holz-Werkstatt. Arbeiten an und in seinem Haus kann er meist selbst erledigen - und vor gut 20 Jahren begann er zusätzlich mit dem Drechseln. Kreissäge, Bohrmaschinen und hunderte Handwerkzeuge machen seinen Hobbyraum zu einer kompletten Werkstatt. Nach dem Drechseln kam das sogenannte Holz-Carving, bei dem große Skulpturen mit einer speziellen Kettensäge entstehen. Während Schnelle das Drechseln noch überwiegend durch Videos auf VHS-Kassette lernte, holt er sich seine Carving-Infos heute aus dem Internet.

Schnelles Werke, meist aus Eibe, Eiche und Ahorn finden sich überall im Haus: etwa der Wohnzimmer-Tisch, dessen zweiteilige Platte mit blauem Epoxidharz verbunden ist, was einem Wasserlauf ähnelt. An der Wand hängt ein hölzernes Memorybild.

Seit kurzem sind Schnelles Holzarbeiten auch in Ausstellungen zu finden, erstmals neulich im Foyer des Martin-Schmidt Saals in Bad Münder. „Ich war erstaunt, dass die Kunstwerke meines Vaters dort zwischen den Gemälden ein so großes Interesse gefunden haben“, sagt Tochter Nora und Vater Karl ergänzt: „Ich freue mich sehr, dass mein Sohn zu diesem Hobby gekommen ist. Seine Lebensqualität, aber auch die seiner Familie, wird damit deutlich gesteigert. Soziale Kontakte sind für Gehörlose doch stark eingeschränkt.“

Zu kaufen sind die Werke nicht, aber Schnelle bekommt schon einmal von Freunden und Bekannten Projektanfragen. Ein schwer erkrankter Freund in Marienau hatte in seinem Garten einen Birnenbaum stehen, der ihm sehr viel bedeutete. Als der Baum krank wurde und fallen musste, schnitzte Schnelle in den extra stehen gelassenen Baumstumpf eine mächtige Eule - und konnte dem Freund so einen letzten Wunsch erfüllen.